Freitag, 29. April 2011

Warum schreiben Sie?

Das wurde ich gefragt.

Und ich antwortete mit einer Gegenfrage: Warum lebe ich?

Damit war für mich die ganze Sache eigentlich schon abgehakt, aber ich registrierte doch immerhin noch das verdutzte Gesicht des Fragenden. Ich nickte, sah ihm in die Augen und fragte nun meinerseits:

Haben Sie schon mal den Namen Rudolf Ditzen gehört?

Rudolf Dittsen? Nein, ich wüsste nicht.

Und Hans Fallada?

Hans Fallada? Ja, ich glaube schon.

Gut. Der Fallada, der hat nämlich mal in einem Brief geschrieben: Ganz abgesehen, dass mir Schreiben Lebenssache ist, etwas wie Atmen, ganz abgesehen davon also, glaube ich ein bisschen daran, dass es hilft, ein ganz klein wenig hilft, wenn man den Menschen sagt: seid anständig zu einander.

Ach so, und deswegen schreiben Sie also auch?! Ich verstehe. Aber was hat es denn mit dem Namen, wie sagten Sie doch gleich, Dittsen auf sich?

Ja, Ditzen. So hieß der Fallada mit bürgerlichem Namen. Rudolf Ditzen. D I T Z E N.

Ach so, Ditzen. – Moment mal. Ditzen? Und wie heißen Sie noch? – Ja! Rudolf Nedzit. – Ach, du lieber Gott! Ein Anagramm also! Das ist ja interessant! – Sie heißen also gar nicht Nedzit! Ich meine: mit richtigem Namen!

Stimmt. Und das mit dem Anagramm finden Sie also interessant?

Ja, aber natürlich! Jetzt wird mir auch einiges klar.

Was denn?

Ja, dass der Ihr großes Vorbild ist, der Ditzen, oder besser gesagt der Fallada. Und Sie …

Ich fiel ihm ins Wort.

Er ist nicht mein Vorbild. Er steht so hoch über mir, dass ich ihn nicht erreichen kann oder könnte, niemals.

Ja, aber … ? – Und wie muss ich das verstehen?

Es muss nicht verstanden werden, ich kann Sie beruhigen. Es genügt vollkommen, die Aussage als solche stehen zu lassen.

Jetzt verstehe ich aber wirklich nichts mehr.

Nun, dann stehen wir wieder so ziemlich am Anfang. Denn die Frage „Warum schreiben Sie?“ stellt sich für einen Schreiber nicht. Er muss es einfach tun.

Dienstag, 26. April 2011

Ganz klar

Der eigene Anspruch überwiegt alle anderen, einzeln genommen, summarisch. Mögen aus allen Richtungen alle erdenklichen Pfeile geflogen kommen: des Hasses, der Liebe, der Gleichgültigkeit, was auch immer: sie können ihr Ziel nicht treffen – denn man selbst steht außerhalb der Reichweite.

Ein Pfeil muss im Köcher bleiben, vorerst: der eigene, der vergiftete, der nicht von Anderen abgeschossene: derjenige, der nur durch den Bogen befördert werden kann, welcher stark genug dazu ist – dann, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Samstag, 23. April 2011

Der Quatsch von der Unsterblichkeit

Er ist unsterblich!

Quatsch, der ist schon seit langem tot!

Ja, aber seine Werke sind doch unsterblich!

Ja, Herrgott, aber dann sagt das auch so!

- - -

Ihr tut dem Mann mit der Unsterblichkeitshymne keinen Gefallen mehr, seht das doch ein und lasst ihn in Frieden ruhen. Bestenfalls gefiele es vielleicht noch im Nachhinein den Würmern, die sich an ihm gelabt haben mögen – als nachträgliche Anerkennung, dass sie den erlesenen Schmaus nicht verschmähten; aber auch die sind ja schon seit langem nicht mehr da, wahrscheinlich wurden sie von Würmern gefressen; im Übrigen würde denen aber auch nichts daran gelegen haben, vermute ich mal.

Mittwoch, 20. April 2011

Ich bin käuflich

Warum sollte man das verschweigen. Es lässt sich in aller Ruhe darüber reden, meinetwegen diskutieren. Warum denn nicht.

Es mag sein, dass es Schlimmeres gibt, wie gesagt, es mag sein. Tut ohnehin nichts zur Sache. Und warum sollte es auch.

Ich bin aber auch hartnäckig, unnachgiebig, unversöhnlich. Was nämlich meine Literatur angeht. Spielt dann keine Rolle, ob ich sie lese oder schreibe. Da bin ich hart wie Granit.

Ich beharre also auf meinem Januskopf. Suchen Sie sich halt die Seite aus, die Ihnen besser gefällt, meinen Segen haben Sie.

Sonntag, 17. April 2011

Provokation

Was denken Sie? Gibt es mehr Genies oder mehr Doofe? (Wir wollen es mal, zum Zwecke der Demonstration, an diesen Extremen festmachen.)

Und was glauben Sie nun? Welche „“Literatur““ (trauen Sie Ihren Augen: doppelte Anführungszeichen) verkauft sich, summa summarum, am besten? Die von und/oder für Genies oder die von und/oder für Doofe? Welche wird am meisten gedruckt, abgesetzt und, was das Schlimmste ist, gelesen?

Ich erwarte auf eine rhetorische Frage natürlich keine Antwort.

Doch gibt es einen Trost, mehr noch: eine Gewissheit. In Zeiten der geistigen Verflachung (also auch in der heutigen) nimmt zwar die Anzahl der Nicht-Geistigen zu, aber umso mehr erfährt die Anzahl der verbleibenden Geistigen (denn sie werden bleiben!) dadurch Rechtfertigung, gewissermaßen Segnung. Ein Zahlenbeispiel: nehmen wir zunächst an, dass auf eine Million Nicht-Geistige ein Geistiger kommt. Und dann nehmen wir an, dass auf zwei Millionen Nicht-Geistige ein Geistiger kommt. – O, welche Steigerung, welch immenser Aufschwung des Geistes! Er hat sich schlagartig durch seine rechnerische Halbierung verdoppelt, von der Wirkung, Auswirkung her betrachtet; aber das versteht sich ja von selbst.

Donnerstag, 14. April 2011

ohne punkt und komma

müsste man schreiben um wenigstens einen teil seiner gedanken beisammenhalten zu können das meiste geht ohnehin flöten aber so wäre es wenigstens ein versuch denn man kann sich so sehr bemühen wie man will man hinkt doch immer hinterher und registriert dass man in verzug ist man will doch alles auf den punkt bringen und jedes komma stört dabei hält einen auf und gedanklich ist man schon auf seite drei und ist nicht einmal mit der ersten fertig großer gott und man gerät immer mehr in rückstand und fängt auch schon an zu vergessen was man vor zwei sekunden noch wusste und lange kanns eigentlich nicht mehr hin sein dass man unsinn redet und doch nicht aufhören kann weil man nicht sicher ist ob man überhaupt schon angefangen hat und noch kein ende absieht aber ist man könnte ja sein vielleicht doch schon die frage sei erlaubt weiter vorgedrungen als was wie nun erlaubt ist fragezeichen ende keine ahnung wars das oder muss noch

Montag, 11. April 2011

Nichts hat Bedeutung

Dessen muss sich der Schreiber bewusst sein und zwar in dem Moment, in welchem er schreibt.

Und gerade deswegen muss er Herz und Seele in das Geschriebene hineinlegen – als hätte es alle Bedeutung der Welt. Denn warum sollte er sich ansonsten der Welt anbiedern?

Ja, gut – aus Ruhmsucht, aus Eigenliebe, aus Größenwahn und aus noch tausend anderen Gründen. Also aus Nichtigkeiten heraus.

Nein, nein, das lassen wir alles nicht gelten.

Er muss meinen, dass das von ihm Geschriebene alle Bedeutung der Welt hätte, wissend, dass nichts Bedeutung hat, haben kann, denn über alles streicht die Zeit hinweg, achselzuckend.

Also: er muss schreiben, weil er ein Schreiber ist. Vielleicht ein armseliger? Sei’s drum. Hauptsache, er hat überhaupt (und zeigt!) Seele.

Freitag, 8. April 2011

Ja

„Meine Antwort auf den Ozean aus Oberflächlichkeit ist ein Rinnsal aus ewigem Bemüh’n.“

Thomas Christen

Dienstag, 5. April 2011

Billig

Der Preis, den man für die eigene Literatur zu bezahlen hat, ist kaum der Rede wert: er ist das eigene Leben.

Man könnte in Verlegenheit geraten, sich ob kaum nennenswerten Rechnungsbetrages so einfach aus der Affäre ziehen zu dürfen. Schließlich hatte man geschlemmt, den besten Wein sich kredenzen lassen, auch ein fürstliches Trinkgeld eingeplant – und dann sieht man unterm Strich diese lächerlich kleine Summe.

Sie muss entrichtet werden, man ist kein Zechpreller. Und doch kann man sich ein bescheidenes, weises Schmunzeln nicht verkneifen. Man hat noch Geld übrig. Was soll man nun damit anfangen?

Es ließe sich wohl vererben. Gibt es Erben? Es ließe sich wohl verschenken. Gibt es Bedürftige? Es ließe sich wohl aus dem Fenster werfen. Gibt es ein solches?

Samstag, 2. April 2011

Geh’ mir voraus und folge mir!

Das rufe ich meinem Kind zu und stürze es in Verwirrung.

Wie aber (antwortet es fragend), wie nur, Vater, soll ich das bewerkstelligen?!

Das ist nun tatsächlich die Frage – und gleichzeitig schon die Antwort darauf.

Und so wollen wir denn die Wantlek-Sequenz zum Abschluss bringen. Es gibt noch so viel anderes zu bereden.

Mittwoch, 30. März 2011

Dritter Auszug (Fiktion)

Vielleicht! Vielleicht wäre es der Menschheit insgesamt besser ergangen, hätte die Evolution dafür gesorgt, dass mehr Zwillinge geboren werden. Müßig darüber nachzudenken, jawohl, aber da wir uns diese Muße erlauben, wollen wir es doch tun. Ist der Mensch, gottvergessenes Geschöpf in einem mystischen Gebilde von Zeit und Raum, denn nicht sein Leben lang einsam, inmitten einer unüberschaubaren, nicht zu ermessenden Schar von Artgenossen? Stünde ihm nicht gut zu Gesicht, wenigstens in den paar Monaten, die er im Mutterleib verbringt, einen bei sich zu haben, einen außer seiner Mutter, die er noch nicht kennt, von der er noch nicht wissen kann, ob sie ihn liebt, lieben wird? Raus muss er, wenn seine Zeit gekommen ist, lebendig oder tot, der Natur ist das einerlei, das eine Exemplar macht ihr kein Kopfweh, die allermeisten überleben die Geburt, der Fortbestand ist gesichert, was immer das auch bedeutet. Und was mag dort draußen auf das Menschenbündel noch alles zukommen? Auch das weiß es nicht, kann es nicht wissen. Wäre es also nicht besser, jemanden bei sich zu haben, der diesen ersten Gang mitgeht? Vielleicht! Doch das ist selten der Fall.

Erster Gedanke

Eine Fiktion?

      Ist das nun ein Vor- oder Nachteil? Oder keines von beiden, also irgendwas dazwischen? Entscheidend ist für die Beantwortung dieser Frage aber auch und insbesondere, wer sich diese stellt. Des einen Vorteil ist doch, geben wir unumwunden zu, dass es zumindest denkbar ist, des anderen Nachteil, oder nicht? Was könnte aber überhaupt zwischen Vorteil und Nachteil liegen? Der Zufall? Etwas nichts Bedeutendes? Oder etwas gerade alles Bedeutende?

      Schwierig, ja, nicht einfach zu beantworten.

      Nehme ich die Philosophie zu Hilfe, zumindest schadet sie nicht. Definieren wir diese als Liebe zur Weisheit und stelle ich also in Rechnung, dass alles, in seiner Gänze oder in seinen Teilen, was ich in der Folge annehme, unrichtig ist, ja, unmöglich, und dass es mir trotzdem zu richtigen Erkenntnissen verhelfen kann, dann würde aus dieser Fiktion eine sinnvolle, nützliche Aufgabe, dann sollte es sich doch lohnen, den Bleistift zu spitzen und ihn übers Papier tanzen zu lassen. Zu welcher Melodie wird sich dann noch zeigen. (Bleistift und Papier gibt’s schon lange nicht mehr, aber ich bin altmodisch und so bespreche ich meinen alten, verstaubten, ans Tageslicht gezerrten Computer und bilde es mir halt ein.)

     Die Informationen, die dem Gedankenspiel zugrunde liegen, sind alt, sehr alt und mir durch Zufall in die Hände geraten. Zufall? Schon wieder dieses Wort. Kein schlechtes Omen.

      Also abgemacht: eine Fiktion!

Zweiter Gedanke und Einführung in eine Sage

      Früher, vor langer, langer Zeit, als es Märchen gab, die mit „Es war einmal“ begannen und mit „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch glücklich und zufrieden“ endeten, da hatten die Menschen etwas, was den heutigen doch gänzlich abgeht: Glaube und Hoffnung an und auf eine bessere Zukunft.

      Wir tun uns schwer damit, das nachzuvollziehen. Leider wissen wir, so hat man es uns gelehrt, dass wir am Ende einer Entwicklung stehen, die uns nicht mehr zu bieten hat als den Rest der Zeit, die sie noch braucht, um an ihr Ende zu gelangen. Danach kommt nichts mehr.

      Diese Aussichtslosigkeit tragen wir in uns mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie wir uns einen dicken Mantel anziehen, der uns vor Kälte schützen soll. Sie ist unsere zweite Haut geworden und nur die erste vermag der Mantel zu wärmen, diese zweite aber bleibt immer kalt. Es ist nun mal nicht ohne Aussicht zu leben! Welchen Zweck hat der heute gelebte Tag, wenn durch ihn der auf ihn folgende nicht im Geringsten tangiert wird?

      Man hat uns die Seele abgesprochen! Der Mensch als reines Funktionsschema etabliert, einer Maschine gleich, nein, weniger, eine Maschine wird gewartet, repariert, um ihn aber kümmert sich niemand. Was ist, wenn er nicht mehr funktioniert? Er wird abgesondert, ausgemustert, fliegt auf den Schrott. Gut, er hat die Freiheit erlangt, niemand schreibt ihm mehr vor, was zu tun, was zu unterlassen ist, es gibt keine Gesetze mehr. Aber ist er deswegen glücklich oder, wenn schon nicht glücklich, so doch wenigstens zufriedener? Hat man ihn, indem man ihn sich selbst überlassen hat, nicht seinem Schicksal preisgegeben, dem Schicksal, dass nichts mehr vor ihm liegt?

      Oh, es gab eine Zeit, da die Menschen an die Seele glaubten, versuchten, sich ihrer zu bemächtigen, sie zu analysieren, sie zu verstehen! Diese Urahnen wussten noch, was Leben ausmacht! Glücklich? Nein, wahrscheinlich nicht, auch sie waren wohl nicht glücklich, denn es waren doch auch nur Menschen. Aber vielleicht waren sie doch glücklicher, als wir es heutzutage sind. Denn vor ihnen lag noch so viel, ihr Weg wurde noch durch ihre Unwissenheit, ihre Dummheit, ihr Versagen verbaut, sie hatten noch so viele Steine wegzuräumen, sie hatten noch eine Aufgabe. Wenn sie abends ins Bett gingen, dachten sie wohl: Ja, morgen, weiter, einen Meter mehr.

      Und wir? Die keine Steine mehr zu bewegen haben, deren Weg frei ist, glatt, anspruchslos, aussichtslos?

      Wir werden den Weg zu Ende gehen. Wenn wir doch nur wüssten, warum!

Sonntag, 27. März 2011

Zweiter Auszug (Novelle)

Erzählen muss ich, könnt’ ich schweigen? Herz und Zunge laufen über. Müsst’ ich schweigen, wär’s mein Tod. Und wer sollte mir schon den Mund verbieten? Bin ich Rechenschaft schuldig? Und wenn ja, wem? Und warum überhaupt? – Da sei von Anfang an ein Strich gezogen zwischen Schreiber und Leser. Hätt’ ich Rücksichten zu nehmen, ließe ich die Notizen wohl besser in meiner Feder stecken. So aber sollen meine Gedanken aus meinem Hirn herausquellen, es wird ihnen darin zu enge, sie wollen auf Wanderschaft gehen. Und nur der soll sich zu ihnen gesellen, dem es vor einem steinigen Wege nicht graut.

    Meine Wanderschaft habe ich hinter mir, nun also steht die meiner Gedanken an. Wen es gelüstet, der widme sich folgendem Bericht und ziehe hernach daraus seine Schlüsse – für sich oder die Welt, was tut’s! Es bleibt sich gleich.

    Eine Wanderschaft muss sich nicht unbedingt durch einen großen Radius oder viele angelaufene Punkte auszeichnen. Durchaus kann es genügen, dass sie gewissermaßen von A nach B verläuft und dann wieder von B nach A. Auch der zeitliche Faktor kann belanglos sein, es kommt durchaus nicht auf eine lange Zeitspanne an. Letztendlich ist allein maßgeblich, was durch sie bewirkt wurde.

    Die Reisevorbereitungen waren also zu treffen, und das eiligst. Wollte ich meinen Besuch abstatten – und wie gerne wollte ich das! –, durfte ich nicht zögerlich sein, nicht alles an Unwägbarkeiten bedenken, was denkbar sein mochte, sondern ich musste mit Zuversicht an die Sache herangehen. Der Zeitrahmen war eng gesteckt, Gesslov nur von dann bis dann anzutreffen, ansonsten wieder für längere Zeit meinem Zugriff entzogen. Diese Chance durfte ich mir nicht entgehen lassen. Nie und nimmer hatte ich an eine solche geglaubt, in den vergangenen zehn Jahren mir jeglichen Gedanken daran untersagt, versucht, mich damit abzufinden, dass Wantlek mit seinem Abschied von mir zwar für mich verloren sei, sein Glück jedoch gefunden haben mochte – und war das nicht genug? Nun aber sollte ich Gelegenheit bekommen, an jene vergangenen Tage anknüpfen zu können. Ja! Ich durfte keinesfalls zögern.

    Die Führung des Geschäftes würde sich für die Zeit meiner Abwesenheit in den Händen eines Untergebenen befinden, eines integeren Mannes, der seit Jahren in meinen Diensten stand und auch das Zeug dazu hatte, eine solche Aufgabe zu bewältigen; Instruktionen wurden erteilt, diesbezüglich brauchte ich mir also keine Sorgen zu machen. Nicht ganz zu unterdrückende Bedenken hatte ich eher im Hinblick darauf, dass eine Reise, auch wenn ihr geografisches Ziel bekannt ist, durchaus böse Überraschungen mit sich bringen kann, die naturgemäß nicht zu beeinflussen sind. Doch durfte ich nicht überängstlich sein. Wie viel Mut musste erst Wantlek aufgebracht haben, als er seine Reise antrat, deren Ziel er gar nicht kannte! Von mir wurde wesentlich weniger verlangt. Und doch weiß ich noch genau, wie ich dachte: So tue ich es meinem Freunde Wilhelm gleich und gehe auf ungewisse Fahrt.

    Erleichtert, zumindest doch nicht erschwert, wurde mein Vorhaben durch den Umstand, dass ich keinen persönlichen Bindungen unterlag. Keine Frau konnte mich als Mann, kein Kind mich als Vater titulieren, meine Eltern tot, meine Schwester, gut situiert, mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Auf wen sollte ich also Rücksicht nehmen? Auch wenn ich nicht zurückkehren würde, dem Wahnsinn verfiele oder gar stürbe; wen würde es interessieren, wer wäre deswegen traurig? Wohl meine Schwester, ja, weil mit mir der Einzige verloren wäre, der außer ihr noch das Blut der Eltern in sich trug. Doch wäre der älter gewesen, hätte näher am Grabe gestanden, hätte ihr also keinen Vortritt beim letzten Gang gelassen. Natur alles Lebendigen. Mein Untergebener vielleicht, weil er seinen Herrn verlöre? Eher wahrscheinlich, dass er das Geschäft selbst weiterführe, Gott sei dem Alten gnädig, täglich ein Gebet für ihn, doch nun geht die Arbeit vor. – Wie schnell wird doch ein Mensch vergessen!

    Schluss damit. Den Überlegungen hatten Taten zu folgen. Die Kutschfahrt wollte arrangiert, das Allernötigste verpackt sein. Der Schwester einen kurzen Brief, ich melde mich bei Rückkehr wieder, Geschäftsreise. Vier Tage auf die Abfahrt warten; Zeit genug, um vor meinem geistigen Auge, gewissermaßen zur Einstimmung auf die Reise, Erinnerungen aus den letzten Wochen, Monaten, jawohl, den letzten zehn vergangenen Jahren ablaufen zu lassen, der Zeit, die ich mittlerweile ohne Wilhelm verlebt hatte – aber wie denn nur? So rasend schnell schien die Zeit verflogen zu sein. Denn zehn Jahre war es nun schon her, dass ich seinen Abschiedsbrief erhalten hatte. So traurig mich dieser auch damals stimmte, es überwog doch die Freude darüber, die Vermutung, die Hoffnung, dass mein Freund den für ihn bestimmten Weg gefunden habe, zusammen mit seiner Tine, denn jeder Weg ist kürzer und leichter, wenn ihn eine liebe Seele mitgeht. Und sieben Monate nach Erhalt dieses Briefes wurde mir das damals sogar bestätigt – durch ihn selbst! Vermittels eines neuerlichen Briefes, den ich völlig unerwartet von ihm erhielt. Ich rücke dessen Inhalt an dieser Stelle ein, er ist es wert, gelesen zu werden; auch handelt es sich in gewissem Sinne um eine Dokumentation, denn es folgte dann kein weiterer Brief mehr, kein einziger in all den Jahren, wer weiß, warum. Seitdem hüte ich das Schriftstück wie meinen Augapfel, trage es am und im Herzen mit mir herum, wohlbehütet in meiner Brieftasche, damit es mein Blut pulsieren hören kann.

Donnerstag, 24. März 2011

Erster Auszug (Briefroman)

Mein Freund! Was ist das Leben? Wie leicht sich diese Frage stellt ... Ich versprach dir Nachricht zu geben, wenn ich hier sei. Und da es nun so ist, will ich mein Versprechen auch halten. Mein Kopf ist frei, doch nicht mehr fern sind die Stunden der Bewährung. Diese Vorahnung beschleicht mich mit unsicheren Gefühlen. Das sind tatsächlich zweierlei Ding: Planung und Ausführung. Wer weiß, ob ich den Anforderungen gewachsen sein werde, die Herausforderungen annehmen kann. – Ja, ja ... du hattest mir mehrmals von meinem Unterfangen abgeraten, in aller Freundschaft, doch mit Nachdruck. Aber der Mensch ist Mensch – und wer könnte ihm seine Natur absprechen? So nimm denn Anteil an meinem künftigen Schicksale, wie es auch immer geraten möge. Gönne dir in mancher Stunde einen flüchtigen Gedanken an mich und wünsche mir Glück. Du weißt, unter welchem Himmel ich mich momentan bewege.

    Ich wurde sehr freundlich empfangen, mein bescheidenes Gepäck aufgenommen, der Kutscher zum Nebenhaus geleitet, die Pferde versorgt. Das Haupthaus, schemenhaft erkennbar, stand mir zu Diensten. Ein Mann und eine Frau, Bediente ausweislich ihrer Kleidung, versicherten mich aller Bequemlichkeiten, ich solle nur nach ihnen verlangen. Die Anreise war beschwerlich gewesen (wenngleich durch Landschaften führend, die ebenso herrlich wie mir fremd waren; ich könnte nicht sagen, ob dabei manche Grenze überschritten wurde) und hatte mich erst zu später Stunde an meinen Bestimmungsort geführt, doch hinderte dies die lieben Menschen nicht daran, mir schnell genug eine Mahlzeit zu kredenzen. In einer kleinen Kammer, wo ich Schüssel und einen Krug frischen Wassers vorfand, konnte ich die Zeit der Zubereitung für die nötigste Reinigung verwenden. Das Essen ließ ich mir wohl schmecken, zumal die Verpflegung der letzten Tage nicht von der besten Sorte gewesen war. Anschließend wurde mir höflich ein Schlafgemach zugewiesen, wobei der mich begleitende Diener versicherte, dass mir der Hausherr morgen zur Verfügung stünde. Heute sei dieser überraschend und ohne möglichen Aufschub zu einer Konsultation gerufen worden und ließe mir hiermit sein Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass er nicht selbst habe mich empfangen können. Seine Verpflichtung sei jedoch dringlich gewesen. Ich wurde befragt, ob ich es wünsche, des Morgens zu einer bestimmten Stunde geweckt zu werden oder es, angesichts der Beschwernisse der weiten Anreise, vorzöge, nicht verfrüht dem erholsamen Schlafe entrissen zu sein. Keine Umstände, entgegnete ich. Meine innere Uhr würde mich wohl frühzeitig aus dem Bett führen (du weißt, mein Schlaf ist seit längerer Zeit nicht mehr der beste).

    So bin ich also hier gelandet, lieber Hans. Und wäre froh, wieder fort zu sein. – Nein, mein Herz, bleibe stark, wenn die Angst sich über dich legt. Denke an die absolute Verzweiflung, die dich hierher getrieben hat. Die Macht der Verzweiflung wird stärker sein als alle Dämonen, die dich wieder unter das Joch der Verdammnis knechten wollen. Was ist schon das bisschen Angst, verglichen mit einem freudlosen Dasein. – Also gut: Du sollst auch weiterhin Nachrichten von mir erhalten, auch das war versprochen. Dabei wäre keine Verpflichtung nötig gewesen, tue ich es doch gerne. So bleiben wir im Geiste einander nah: in der Hoffnung auf ein besseres Wiedersehen (gib es zu: So konnte es mit mir nicht weitergehen). Du kannst mir nicht schreiben, wir hatten das besprochen. Ich kenne ja selbst nicht meine jetzige Adresse. Und ich dürfte, könnte und wollte sie dir auch nicht mitteilen (wer weiß, auf welche Gedanken du kommen würdest). Die Zensur, die in diesem Hause herrscht, würde es auch vollkommen unmöglich machen. Das wurde mir vor Antritt meiner Reise mitgeteilt, und ich war mit diesen Gepflogenheiten einverstanden gewesen, besiegelte das Abkommen mit meiner Unterschrift. Wie sagtest du? Eine Fahrt ans Ende der Welt. Ja, so könnte man es nennen. Doch selbst dabei spielt es eine Rolle, ob man sein Pferd an der ersten Wegkreuzung nach rechter oder linker Hand führt. Wo ist das Ende dieser Welt? Soll es liegen, wo es mag. Wenn’s für mich nur ein neuer Anfang wäre! Ich jedoch darf dir schreiben, so viel und so oft ich möchte (dir alleine), nur kann ich nicht sagen, ob dir die Briefe überhaupt, und wenn ja, welche davon, zugeleitet werden. Auch darf ich die Schreiben nicht mit einem Datum versehen. (Ob ich sie nummerieren darf?) Aber das sind in meinen Augen nur Belanglosigkeiten. Welchen Sinn hätte auch eine Zeitangabe auf einer nicht übermittelten Botschaft? Habe ich das eine akzeptiert, so werde ich das andere verschmerzen. Wir beide hatten in mancher langen Nacht mein Vorhaben ausführlich diskutiert, du hattest mich gewarnt, beschwört, mich nicht auf solche sicherlich ungewisse, wahrscheinlich gefährliche Machenschaften einzulassen, ich hatte dir zugehört, mit Stolz in der Brust, einen solchen Freund zu haben, hatte versucht dich zu trösten, letztendlich meinen Kopf durchgesetzt ... mein Guter, wie hättest du es verhindern können? –

    Nun bemerke ich doch, wie schnell mich die Müdigkeit überkommt. Es ist sehr spät. Die mehrtägige Kutschfahrt auf schlechten Wegen, wie auch die mit der Reise verbundenen, nur hinlänglich ausgestatteten Übernachtungsquartiere haben mich doch mehr beansprucht, als ich mir eingestehen wollte. So höre meinen ersten, stillen Gruß aus weiter, unbekannter Ferne. Zermartere dir nicht das Hirn ob deines armseligen Freundes. Alles wird gut werden! – Gute Nacht! ... Schlafe ruhig.

Montag, 21. März 2011

Literarische Psychologie-Philosophie

Das ist der Wantlek.

Und vielleicht ist es das gerade: dass Literatur, Psychologie, Philosophie, dass diese drei Begriffe allesamt und jeder für sich die Umschreibung für ein und die selbe Sache sind.

(Für den Fall, dass Ihnen diese Bemerkung geheimnisvoll erscheinen mag, füge ich noch hinzu: stimmt.)


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Freitag, 18. März 2011

Über das Wesen der Trilogie

(Wantlek – Ein philosophischer Roman beinhaltet die vollständige Trilogie, aufgeteilt in drei Kapitel. Im Nachfolgenden geht es um die seinerzeitigen ...)

… Gedanken des Schreibers nach Fertigstellung des zweiten Kapitels – und zuvor!

Mit dem zweiten Band der Wantlek-Trilogie liegt also nunmehr das Mittelstück vor uns, das Stück des Weges, welches die Pfade des zuvor beschrittenen aufgreift, sie weiterführt, die Aussicht erweitert und auf der Landkarte der Literatur eine Verbindungslinie zu dem dritten Band schafft. Und doch ist jedes Teilstück für und in sich eine eigenständige Route, losgelöst und unabhängig von den anderen, gleichwohl es von deren Existenzen weiß, die sich in einer Parallelität des Seins befinden. Aber eben auch immer Teil eines Ganzen, immer im Bewusstsein des Dazugehörens, des sich Ergänzens.

Eine Trilogie darf keinem Selbstzweck verfallen, sich nicht aus sich selbst heraus erklären wollen.

Als wesentlich erachte ich, dass diese besondere Form der literarischen Gestaltung einer Zufälligkeit des Lesens standhalten muss, auch und gerade dann sich ihre Kraft zu bewahren vermag, nicht an einem Zufallsprinzip zu scheitern droht. Denn warum sollte der Reihe nach gelesen werden müssen? Erster Band vor dem zweiten, zweiter vor drittem. Weil ansonsten die Spannung verloren ginge? Eine Auflösung frühzeitig, zur unpassenden Zeit erfolgte? Der Leser das Interesse verlöre?

Aber warum denn? Und siehe: Da greift sich jemand aus dem Bücherregal ein Exemplar heraus. Aus irgendeinem Grunde hat ihn gerade dieses Buch angesprochen, er blättert darin, weder Autor (an dieser Stelle sei mir der offizielle Begriff gestattet) noch Titel waren ihm bekannt. Aber nun hält er es einmal in Händen, liest ein paar Zeilen, blättert, liest ein paar Zeilen, will es kaufen, geht zur Kasse. Und da spränge aus der Tiefe des Buchladens ihm ein Verkäufer entgegen, wild mit den Händen fuchtelnd, ihn belehrend, dass er doch, bitteschön!, sich diesem Werk erst zuwenden möge, wenn er denn ... – Ach so! Aber ich wusste ja nicht, dass es da noch ...

Als wesentlich erachte ich, dass eine Trilogie es fertigbringen muss, einem Leser, der erst nachträglich den ersten Band liest, nachdem er nach der Lektüre des zweiten erfahren hat, dass es einen solchen überhaupt gibt, den Eindruck zu vermitteln, als hätte er diesen schon gelesen, so vertraut, so logisch muss ihm dieser erscheinen. Auch: es liest jemand zufällig (also in Unkenntnis einer Trilogie) den ersten, dann den dritten Band. So müsste er den Eindruck gewinnen, zumindest der Verdacht sich regen, als würde da noch etwas fehlen, als hätte dort eigentlich noch etwas dazwischen gepasst. Auch: es liest unser imaginärer Leser nur den dritten Band. So müsste er keine Trilogie vermissen dürfen. Auch: da käme in hundert Jahren einer, der so geschäftstüchtig wie literaturbegeistert, so kosten- wie qualitätsbewusst wäre und spräche angesichts der alten Bände, die vor ihm lägen: Ach was! Was heißt hier eins, zwei, drei? Alles in einen Band und fertig! Druckt alles in einem Stück! Und der Leser nähme dieses eine (!) Buch, das neugeborene, auferstandene, in die Hand, schlüge es auf, verlöre sich in der Welt der Literatur, teilte sich in Sinne, Gefühl, Geist – und fände nach vollzogener Lektüre wieder ganz zu sich selbst.

Das verstehe ICH unter Trilogie.

Dienstag, 15. März 2011

Ich habe die Wahl


Ich weiß nicht, ob es etwas mit Mut zu tun hat, ich glaube es jedenfalls nicht; ich meine: in der heutigen Zeit einen philosophischen Roman zu veröffentlichen. Der Zeitfaktor spielt in der Kunst keine Rolle. Es gibt lediglich die Notwendigkeit des Tuns oder Unterlassens. Ich habe es getan. – Wenn ich es recht bedenke, weiß ich es doch: Es hat mit Mut nichts zu tun!

Samstag, 12. März 2011

Herzblut ist des Dichters Tinte

Mit großen Augen verfolgt er seine roten Worte, die auf weißem Papier sich abzeichnen. Es entsteht ein Fantasiegebilde mit tausend Ein- und Ausgängen. Und sobald er sich in diesem verloren hat, hat er sich gefunden. Sein Herz läuft über, sein Hirn ertrinkt, er ist beseelt, er ist am Ende, denn er fängt an.

Mittwoch, 9. März 2011

Hirngewitter

Der Schreibprozess ist von Markow’scher Art.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es eine Selbsttäuschung ist, wenn von strenger Planung und Entwürfen die Rede ist, so ehrlich dies alles gemeint sein mag. Man macht sich etwas vor. Wir sind ausführendes Organ, kein bestimmendes. Wir sind zwar Träger unseres Hirns, ihm aber sklavisch ausgeliefert.

Zum Trost sei direkt angeschlossen: Herrlich, dass es so ist! (Ich verzichte auf eine allgemeine Begründung dieser Feststellung, denn jeder Einzelne hat die seinige selbst zu finden.) – Ein Trost könnte nämlich angebracht sein: man fühlt sich vielleicht etwas verwirrt und verirrt, wenn man bemerkt, dass das Schiff so richtig schön in Fahrt ist, man aber nicht weiß, auf welchem Kurs überhaupt. Nun, so riesengroß das Meer auch ist, es ist nicht groß genug, dass sich nie ein Hafen finden ließe. Zur Not tut’s eine Insel, muss ja nicht für ewig sein.

Der Schreibprozess ist ein Prozess im Schreiben. Oder anders ausgedrückt: Der Prozess ist das Schreiben im Schreiben.

Sonntag, 6. März 2011

Na also

Stein

Dereinst auf meinem Grab ein Stein
Der lebt von Sonne und von Regen
Alles and're ist ihm einerlei
Er lebt nur seinetwegen

Das ist es, was noch übrigbleibt
Von mir, von dir, von allen Arten
Ein Stein, der sich die Zeit vertreibt
Mit ewiglangem Warten


Der Anfang hätte seinen Namen nicht verdient, wenn er nicht zum Ende führen würde. – Aber anfangen müssen wir doch, nicht wahr?

Donnerstag, 3. März 2011

Montag, 28. Februar 2011

Literatur ist eine Hure

Mit großer Sorgfalt brachte sie ihr Strumpfband an, bemalte sich die Lippen, und auch die Stöckelschuhe standen schon bereit, ungeduldig den ersten Trippelschritten harrend. Ob sich auch heute unter den Freiern manierliche befinden sollten? Das würde ihr die Sache schon leichter machen. Aber wie dem auch sei: ihrem Grundsatz würde sie treu bleiben: sie ließ sich nicht auf den Mund küssen, nicht freiwillig, nie! Das hatte ihr schon die eine oder andere Ohrfeige eingetragen, aber davon starb man schließlich nicht. – Sie betrachtet sich im Spiegel. Aufpassen, nicht zu dick auftragen, nur ein zartes Rouge, das genügt. Die Wenigsten sahen ihr ohnehin ins Gesicht, und auch die eher oberflächlich und nur kurz. Und wenn schon. Sie ist ja ohnehin nicht so, wie Andere meinen, dass sie es wäre. – So, jetzt sieht sie schon ganz leidlich aus, richtig passabel, eine Augenweide. Ein Blick auf die Uhr. Ja, Zeit ist. Dann mal los. Schon in ein paar Stunden, wenn der Morgen graut, wird sie wieder zu Hause sein, sich in ihr Bettchen legen, alleine, und schlafen wird sie, und träumen wird sie, und erwachen wird sie, mit langsamem Augenaufschlag, und der neue Tag wird schon sehnsüchtig auf sie gewartet haben.

Freitag, 25. Februar 2011

qwertzuiopü+

Es wird nicht allzu lange dauern und Sie werden den Code entschlüsselt haben, antworten dann frech mit

asdfghjklöä#

Und ein Dritter gesellt sich dazu, frohlockt mit

yxcvbnm,.-

Jeder Code ist zu knacken, wenn man dahinter gekommen ist, wie.

So ist es auch bei manchem Buch.

Dienstag, 22. Februar 2011

Genie ODER Wahnsinn

Entweder oder. Es ist an der Zeit, sich von dem Mythos ‚Genie UND Wahnsinn’ zu trennen.

Wie lange schon wurde in konstruierten Fällen für Wahnsinn erklärt, was lediglich seiner Zeit voraus war, was die Zeitgenossen nicht verstanden, was sie in ihrer Überheblichkeit nicht zur Kenntnis nehmen wollten, was ihrem Geschmack nicht entsprach.

Die Armen! Ihr ganzes geistiges Vermögen mitsamt ihrer beengten Seele beschränkte sich auf die Huldigung des Genies, welch einfache Übung – und wie überflüssig! Ihnen erschloss sich nicht der Reichtum, der vor ihnen lag, vielleicht nur hundert Jahre weiter, doch entfernter als die nächste Galaxie, für sie unerreichbar, doch nicht für die späteren Generationen.

Die Beschenkten! Wie leicht haben sie es wiederum: sie müssen nur geboren werden, brauchen das für sie bestimmte Präsent nur auszupacken.

Samstag, 19. Februar 2011

Tippfeher

Glauben Sie bloß nicht, dass mir das leicht gefallen wäre. O nein!

Ich sprach bereits von Buchstaben und dass es auf jeden einzelnen davon ankommt.

Und wenn nun einer fehlt? Was dann? – Verlieren wir nicht die Bodenhaftung: davon geht die Welt nicht unter. Man sollte nichts übertreiben, man muss auch seine Empörung irgendwann wieder in den Griff bekommen.

Fazit: Pedanterie ist an und für sich keine schlechte Sache, im Gegenteil. Nur darf man an sie nicht übermäßig pedantisch herangehen.

Mittwoch, 16. Februar 2011

In der Kürze liegt die Würze

Kein Einwand meinerseits gegen eine tausendseitige Schrift.

Es wäre freilich eine unnütze, ich betone: befremdliche Übung gewesen, wenn man deren Gehalt (insofern sie einen haben mag), vielleicht (bestimmt?) mit Vorteil, auf hundert Seiten (weniger sogar?) hätte unterbringen können.

Sonntag, 13. Februar 2011

Ein Stachel namens Hochmut

Ach, wie erbärmlich. Dieses „Bubi-hat-ein-Buch-gemacht-Gehabe“, dieses „dämlich-in-die-Kamera-Grinsen“, dieses „Hast-du-schon-gewusst-Getue“.

Was Wunder ist denn schon passiert? – Freilich: ein weiteres Buch ist da, ein „Kind“ wurde geboren. – Wenn das mal kein Wunder ist! Ich räume es gerne ein.

Doch frage ich: Ist das Grund für einen Personenkult? Warum sollte es wichtig sein, welcher Mensch sich hinter dem Werk verbirgt (oder hervortut)? – Denn bedenken Sie doch: was aber, wenn dieser ein missratenes Exemplar ist (oder gewesen wäre)? Wie Ihrer Bestürzung Herr werden, wenn über die Buchseiten ein einzigartiger Glanz sich verbreitet, als hätte dieser Satansjünger sie/Sie mit Engelsflügeln berührt? – Und bedenken Sie weiter: was aber, wenn er ein gelungenes Exemplar ist (oder gewesen wäre)? Wie Ihre Enttäuschung vor sich und der Welt verbergen, wenn Ihnen aus den Buchseiten nicht mehr entgegenkommt als dummes Geschwätz, Firlefanz, als hätte dieser Heilige sich herabgelassen unter Sündern zu verweilen?

?

Klipp und klar: es empfiehlt sich, es genügt vollkommen, Bücher auf eine Art zu lesen: philologisch – oder vereinfacht ausgedrückt: so wie sie sind.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Kein Grund zur Aufregung

Schreiben, lesen.

Komprimieren wir beides und sagen also: denken.

Mehr wird gar nicht verlangt. Freilich handelt es sich um einen hohen Anspruch, vielleicht um den höchsten. Mancher tut sich schwer damit, überlässt das Denken lieber denjenigen, die sich, seiner Meinung nach, besser darauf verstehen. Ein Anderer wiederum kann nicht aufhören zu denken (wir wollen nicht der Frage nachgehen, mit welcher Umdrehungszahl sich sein geistiges Hamsterrad bewegen mag; es könnte uns schwindlig werden), verliert sich im Denken und ahnt schließlich nicht mehr, worüber er eigentlich … was wollte er noch?

Nicht Weiß, nicht Schwarz. Es muss wohl Grau sein, zumindest irgendein Grauton, wenn schon nicht durch und durch Grau.

In der Grauzone spielt sich somit dasjenige ab, womit wir uns hier beschäftigen.

Wie bitte? Was? … Kein farbenprächtiges Panorama? Keine große Bühne für das Pathos? Nur fades Schattenspiel? – Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Aber, aber! Immer mit der Ruhe! Weshalb so aufgebracht? Unsere Meinungen sind nicht so verschieden, wie Sie es vielleicht vermuten (wenn Sie denn eine andere Meinung haben sollten). Auch ich lechze nach Farbe, und wo ich sie nicht finden kann, erlahmt augenblicklich mein Interesse.

Mit der Grauzone aber verhält es sich wie folgt: sie geht dem Farbenspiel voraus.

Literatur heißt Arbeit, harte Arbeit (doch beachten Sie: ein Meisterwerk riecht nie nach Schweiß). Man hat bei ihr die Sonnenbrille auf: der Schreiber, damit er nicht von Eitelkeiten geblendet wird; der Leser, damit ihm die Sonne nicht den Ausblick verstellt.

Montag, 7. Februar 2011

Stück für Stück

Littera.

Buchstabe.

Um mehr geht es bei der Literatur nicht. – Welch ein Glück, dass es nicht um mehr geht! – Denn mehr wäre beim besten Willen nicht zu erreichen, geschweige zu bewältigen!

Es ist allemal schon schwierig genug, Kombinationsreihen von Buchstaben aufzustellen, die keinem Selbstzweck unterliegen, sondern einem höheren Zweck. Die Kunst aber – und erst dann dürfen wir von einem Künstler, Literaten reden – liegt darin, jedem einzelnen wie auch der Gesamtheit der Buchstaben ein eigentümliches Leben einzuhauchen, also eine Sphäre zu schaffen, die überirdisch ist. Das sagt sich so leicht wie es schwer zu erreichen ist. Warum sollte das abschrecken? Im Gegenteil. Die Kunst wäre keinen Pfifferling wert, wäre sie en passant zu erhaschen.

Ein mühseliges Geschäft. Buchstabe um Buchstabe um Buchstabe um …

Wohin aber führt das alles?

Litterae.

Literatur eben.

Freitag, 4. Februar 2011

Das neuronale Netz verändert das neurale

Stichwort: Papier. Zu Papier gebracht haben.

Vergegenwärtigen wir uns, halten wir uns stets vor Augen, dass die so genannte virtuelle Welt ein Hirngespinst ist. Lassen wir uns nicht beirren. Wir leben in der einzig möglichen Welt: der wirklichen.

Ob Sie die Güte aufbringen wollen, mir den Gefallen zu erweisen, diesen Beitrag auszudrucken, die Finger über das Papier gleiten zu lassen, zärtlich, in Gedanken verloren?

--- Was das mit Literatur zu tun haben soll?

Nun … ich denke: alles.

Dienstag, 1. Februar 2011

Seinen eigenen Weg finden

Mit dem Zweifel ist das nun so eine Sache. Er scheint mir unentbehrlich zu sein, ja, empfehlenswert im Hinblick auf den Schreibprozess – und dann wieder überflüssig, ja, verachtenswert, wenn dieser Prozess zum Abschluss gekommen ist.

Ich wüsste jemandem, der seine ersten Schreibversuche unternimmt, keinen anderen Rat zu geben als diesen: Zweifeln Sie, misstrauen Sie jedem Wort, das Sie schreiben, lassen Sie nicht das Feuer erlischen, in dessen Flammen Ihr Manuskript seine letzte Heimstätte finden sollte oder müsste, wenn es Sie nicht zufriedenstellt – und setzen Sie das Wörtchen ENDE nur dann auf das letzte Blatt, löschen Sie das Feuer erst dann, wenn Sie gewiss sind, sich absolut sicher sind, dass Sie alles gegeben haben, was Ihnen möglich war, dass Sie nichts, weder dann noch später, von dem, was Sie zu Papier gebracht haben, bereuen müssen! (Übrigens würde ich diesen Rat jedem geben, auch einem, der schon zwanzig Bücher veröffentlicht hat, rein vorsorglich für den Fall, dass er vielleicht meint, schon am ENDE zu sein – ohne es bisher wirklich gewesen zu sein.)

 Allerdings wüsste ich demjenigen, der sich meinen Rat dergestalt zu Herzen nähme, deswegen mit dem Schreiben gleich gänzlich aufzuhören, keinen Trost zu vermitteln, ich wollte es auch nicht. Dafür ist nämlich der Gegenstand unserer Auseinandersetzung – bei allem Spiel – doch eine zu ernsthafte Angelegenheit.

Letztendlich muss da jeder alleine durch. Ist auch gut so. Woher sollte denn ansonsten die große, die ganz große Literatur kommen? Wer sollte sie uns denn bringen? – Die Mitläufer doch sicherlich nicht.

Samstag, 29. Januar 2011

Nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen

Aber es geht ja nicht um Gewinner, Verlierer, Grundsätze. Eigentlich ist alles viel einfacher. Eigentlich geht es nur ums Lesen.

Der Schreiber ist dabei dem Leser in der Anfangszeit immer ein gutes Stückchen voraus, das schadet aber nicht, der Leser wird ihn schon noch früh genug einholen, irgendwann überholen und schließlich überrunden – wenn die Literatur etwas getaugt hat; wovon an dieser Stelle gemäß unserer Konglomeratsbedingung ausgegangen werden darf.

Als gutes Zeichen, als bestes für eine genüssliche Lektüre sehe ich den Umstand an, dass man beim Lesen nicht mehr registriert, dass man liest. (Könnte es ein angenehmeres Paradoxon geben?) Dass man sich in irgendeiner Zwischenwelt befindet, die einem erst in dem Moment bewusst wird, in welchem man sie verlässt, aber ohne zu wissen, wie man eigentlich in sie hineingeraten war. Welch herrlicher Zustand: ein Nichtwissen, das uns weder beschämt noch wurmt!

Auf was warten Sie noch? Los! Nehmen Sie ein gutes Buch in die Hand und tauchen Sie ab, ein! Ein „gutes“ Buch? Aber Sie bedürfen keiner Erklärung, irgendeiner Empfehlung! Sie wissen es ja bereits selbst, bewusst oder unbewusst: jedes Buch, das Ihnen diese Zwischenwelt, von der ich sprach, erschafft, verschafft, ist gut. Es ginge dieses Attributs erst verlustig, wenn Sie selbst nicht mehr daran glauben, wenn Sie daran zweifeln würden.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Keine Frage der Statistik, sondern der Statik

Am Leser ist es nun mit dem ihm angebotenen Stückchen Literatur etwas anzufangen oder nicht. Er kann sich dabei, wie gesagt, auf sein Gefühl verlassen, braucht keine Rücksichten auf die Intentionen oder Fantasien des Schreibers zu nehmen (so wie der Schreiber keine auf diejenigen des Lesers zu nehmen braucht, ja, vielmehr nicht darf). Zudem ist er in der beneidenswerten Lage, ein Buch jederzeit aus der Hand legen zu können (wohingegen der Schreiber an sein Manuskript wie mit Ketten gefesselt bleibt).

Gäbe es in diesem Spiel also einen Gewinner, wäre das zweifelsfrei der Leser (gleichgültig, ob ihm der Gewinn zustünde oder nicht). Glücklicherweise gibt es aber doch nicht selten zwei Gewinner und so steht einem allgemeinen Wohlbefinden grundsätzlich nichts im Wege – aber mit Grundsätzen alleine lässt sich auch nichts anfangen!

Übrigens gibt es nie mehr als zwei Gewinner, unabhängig von der Anzahl der Leser (und sei diese immens). Wie das gemeint ist? Nun: jeder einzelne Leser steht für sich. Wie könnte es anders sein!

Ach so, noch etwas: sollte es einen Verlierer geben (soll schon vorgekommen sein), sind es immer zwei, genau zwei.

Sonntag, 23. Januar 2011

Eine Beschwörungsformel ist nicht erforderlich

Die Literatur ein Spiel. Lassen wir sie als solches gelten und betrachten sie in zweierlei Hinsicht.

Zunächst aus der Sicht des Schreibers. Ich sage bewusst weder Schriftsteller noch Autor, weil in diesen Begriffen bereits eine Wertung steckt. Im Begriff Schreiber aber steckt wesentlich - man könnte auch sagen: lediglich - die Umschreibung des literarischen Entstehungsprozesses. Diese Betrachtungsweise ist mir allemal sympathischer, scheint mir zutreffender zu sein, ohne Hokuspokus.

(An dieser Stelle eine Zwischenbemerkung sowie maßgebliche Aussage für das Gesamtverständnis dieses Blogs: wir sind uns doch einig darüber, dass wir unter Literatur, so wie sie hier abgehandelt wird, nur das verstehen wollen, was folgenden, ernsthaft angewandten Kriterien standhalten kann: Schreibkunst, Tiefe des Gedankens, Gefühl. – Diesem Konglomerat wollen wir uns also widmen.)

Solange an einem Werk geschrieben wird, ist noch keine Literatur vorhanden, diese noch nicht. Wenn der Schreiber die Feder aus der Hand legt, wird sie geboren, dann ist diese da (ungeachtet einer eventuellen Publikation). Es kann sich auch um ein Fragment handeln, warum denn nicht, es sollen ja schon Leute gestorben sein, bevor sie mit ihrer Arbeit fertig waren. Entscheidend ist, dass der Schreiber sich (zu Lebzeiten, versteht sich) zurücklehnt, besinnt, nickt und denkt: So, das war’s! – Der erste Zug ist also gemacht. Den zweiten macht der Leser.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Ein Spiel beginnt

Was aber ist denn nun Literatur? Nicht im Sinne einer Definition, sondern vielmehr im Sinne eines Lebensausdruckes, einer emotionalen Zugänglichkeit.

Diese Frage muss (besser: darf) jeder (besser: derjenige, den sie interessiert) für sich selber beantworten: aus dem Stegreif oder unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten, aus dem Bauch heraus oder mit Hirnschmalz, leichtfertig oder grüblerisch. Am Ende seiner wie auch immer gearteten Überlegungen wird er auf eines stoßen: ein Gefühl, sein Gefühl.

Und so wollen wir festhalten: wo nach erfolgter Lektüre nichts gefühlt wird, kann keine Literatur im Spiel gewesen sein! Denn ein Spiel ist es, mehr nicht – aber auch (und das wiegt ungleich schwerer) nicht weniger. Noch dazu eines ohne Regeln. Und zählt somit zu der Sorte von Spielen, mit der wir uns (seien wir ehrlich) am liebsten beschäftigen.

Literatur „nur“ ein Spiel? – Ja, natürlich. – Aber was für eines!

Montag, 17. Januar 2011

Wer ist Rudolf Nedzit? - Und wer ist Wantlek?

Man kennt mich! – Nein? – Ich bleibe dabei: man kennt mich!

Wer den Wantlek gelesen hat, kennt mich. Mehr noch: er kennt mich besser, als ich mich selber kenne. Und wie leicht ist dieses anscheinende Rätsel zu lösen: denn das Selbstbild des Autors vermischt sich unterschwellig mit dem Fremdbild des Lesers und aus dieser „Seelenwanderung“ erwächst ein neues Geschöpf, ein ideelles, das gewissermaßen die Haut des Autors verlässt, um ein eigenständiges Leben zu führen. Und wie sensibel, wie empfänglich ist doch die Haut des Lesers!

Wir wollen das neue Geschöpf Dichter nennen. Der Dichter wiederum blickt mit Strenge und Güte auf sein geistiges Kind, das Werk – und entlässt es in die große, weite Welt hinaus, mit einer Träne im Auge und allen guten Wünschen. Begleiten kann er es nicht!

Und warum sollte er das auch tun, ja, warum überhaupt wollen? – Nein! – Er muss es alleine lassen, es muss seinen Weg alleine finden, zwar im zärtlichen Gedenken ans Vaterhaus, doch losgelöst von diesem, es muss auf eigenen Beinen stehen.

Leicht zu verstehen, nicht wahr? Denn ansonsten bliebe es doch wohl besser von Anfang an im trauten Heim hinterm warmen Ofen sitzen, verlöre es angesichts einer fehlenden führenden Hand sein Gleichgewicht, verzagte es bereits beim ersten Windhauch eines sich ankündigenden Sturmes.

Literatur muss aus sich heraus bestehen!